Multikulturell und religiös leben


Ich weiß nicht, wo ihr lebt, aber ich lebe in einem linksgrün versifften wunderbar multikulturellen Deutschland voller bunter Menschen mit bunten Herkünften, Hautfarben, Geschichten und Überzeugungen. Und ich liebe es.


So lange, wie ich denken kann, bin ich schon beides: heimatverbunden und weltoffen. Ganz bestimmt bin ich viel deutscher, als mir so manches Mal bewusst ist. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Meine Eltern sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Familie meiner Mutter floh allerdings noch vor dem Bau der Berliner Mauer aus der DDR in die BRD. Ich bin also ein halber Ossi. 😉 Bei meinen Großeltern hört das Geborensein in Deutschland dann auch schon auf. Eine meiner Großmütter war eine von den unzähligen Flüchtlingen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs vom ehemaligen Osten des Dritten Reichs ins heutige Deutschland flohen. Dasselbe gilt für die Familie meiner Schwiegermutter – der Großmutter meines Kindes.

Heute lebt meine Großfamilie in zwei verschiedenen Ländern auf zwei verschiedenen Kontinenten. Zu meinen Verwandten gehören Deutsche wie US-Amerikaner. Zu meinen engsten und langjährigsten Freunden gehören Menschen mit deutschen, italienischen, englischen, schottischen, französischen und Was-weiß-ich-noch-für-Wurzeln.

Ich bin schon in der Grundschule vor 30 Jahren Kindern mit kurdischen und jugoslawischen Wurzeln ebenso begegnet, wie Kindern mit deutsch-russischen oder -kasachischen Wurzeln. Auf dem Gymnasium durfte ich Menschen mit russischen, kasachischen, indischen, mit philippinischen und noch vielen anderen Wurzeln kennen lernen. Das Germanistikstudium gepaart mit einem Religionswissenschaftsstudium in einer Universitätsstadt, die nicht nur internationaler Messestandort, sondern auch Zentrum des hochdeutschen Dialekts ist: Das brach jeden Rest möglicher Mauern, die noch zwischen mir und der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen hätten stehen können.

Meine Eltern sind beide aus der evangelisch-lutherischen Kirche ausgetreten, ich würde aber nicht so weit gehen, sie als Atheisten oder gar Agnostiker zu bezeichnen. Mein Vater sagte mal so schön: „Ich glaube an Gott, ich bin nur mit dem Bodenpersonal nicht einverstanden.“ Einer meiner Urgroßväter mütterlicherseits lebte mit seiner Familie zur Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs in Berlin und war (später fahnenflüchtiger) Kommunist. Seine Frau wäre beinahe im KZ gelandet, weil sie nicht einsehen wollte, warum sie nicht länger zu ihrem jüdischen Arzt gehen solle. Meiner Großmutter, ihrer Tochter, verboten sie, zum Bund Deutscher Mädel zu gehen. Mit solchen Geschichten am Esstisch bin ich aufgewachsen.

Meine Eltern – Kinder der 50er Jahre, die zu Zeit der 68er-Revolution Jugendliche und später junge Erwachsene waren – haben mir und meinem Bruder die Wahl gelassen, die heimatdörflichen kirchlichen Angebote zu nutzen oder nicht, zum Konfirmandenunterricht zu gehen oder nicht. Mir haben die Kindergottesdienste, die Bastelnachmittage, die Kinderfreizeiten mit all den schönen Geschichten von einem gütigen Gott, der mich liebt wie ich bin, und der immer für mich da ist und mich beschützt, als junges Ich sehr, sehr gutgetan. Ich war nicht nur ein sehr aufgewecktes und signifikant nachdenkliches und tiefdenkendes, ich war ein geradezu philosophierendes und seinen Metagedanken mitunter heillos ausgeliefertes Kind. Die evangelisch-lutherische Religion hat mir Halt gegeben.

Das alttestamentarische Gottesbild hat mich Ehrfurcht und Demut, aber auch Hoffnung gelehrt. Das neutestamentarische Gottesbild und die Geschichten von Jesus waren mir eine Quelle für Geborgenheit, Zugehörigkeitsgefühl und Kraft. Kraft, das Richtige zu tun und für das Richtige einzustehen, die zum ersten Mal nicht bloß aus meiner Familie kam. Ich lernte das wunderbare Gefühl kennen, wie es ist, sich mit Gleichgesinnten für ein gemeinsames großes Ziel zu engagieren und nicht müde zu werden, von einer besseren Welt zu träumen. Ich lernte, wie viel Kraft ich aus gemeinsamem Singen und Beten schöpfen kann. Wie befreiend das ist. Wie befreiend und beflügelnd es ist, nicht nur Bittsteller, sondern auch dankbar zu sein. Und einen mehr oder weniger konkreten Adressaten für Bitte und Danke zu haben.

In meiner Jugend brachten mich von der Kirche organisierte Freizeiten nicht nur zum Zelten, in Kontakt mit der Natur am Lagerfeuer, mit Rastalocken und Gitarre schwingenden Leinenhosenträgern und Lobpreisliederträllerern. Ich durfte auch mehrere Sommer in Folge einigermaßen ferne Länder bereisen, nämlich Schweden, Schottland, Irland und Italien. Durch einen echt mega engagierten Diakon erhielt ich Kontakt zu den Jesus Freaks in Hamburg, zu Gefängnisseelsorgern und deren Schützlingen, zu Missionaren, die in Afrika und Indien Partnerkirchen besuchten und davon erzählten. Zu jüdischen Damen, die von Ihren Erlebnissen während des Dritten Reichs berichteten, von Dietrich Bonhoeffer und der Bekennenden Kirche. Ich bekam eine Ahnung, wie vielfältig Religion und Religiosität sein kann und wie vielfältig die Herausforderungen sein können, wenn all diese Vielfältigkeiten sich einen klitzekleinen Planeten in unserem unendlich großen Universum teilen müssen.

Schon zu Gymanasialzeiten hatte ich die wunderbare Gelegenheit – Dank einer äußerst anspruchsvollen und patenten Religionslehrerin – nicht nur christliche Gotteshäuser, sondern auch ein buddhistisches Zentrum und eine Moschee zu besuchen und mit Menschen verschiedener Religionen und kultureller Herkünfte in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. In mir keimte der Wunsch auf, nicht länger Theologie oder Religionspäadagogik, sondern Religionswissenschaft als zweites Hauptfach neben Germanistik zu studieren.

An der Uni begegneten mir so unendlich viele Menschen so vieler Herkünfte, Religionen, Überzeugungen. Sowohl im Fachbereich Germanistik mit einem Studienschwerpunkt Deutsch als Fremdsprache, als auch im Fachbereich Religionswissenschaft. Menschen aller Kontinente, aller Hautfarben, aller Weltreligionen. Ich besuchte weitere Moscheen, eine buddhistische Pagode, einen Hindutempel, weitere Jesus Freaks. Und das alles in einer Stadt mitten in Norddeutschland! Ich habe es geliebt.

Aber auch meine Ehrfurcht davor wuchs, vor welch großen Herausforderungen wir stehen. Wo sich unsere deutsche Gesellschaft doch offensichtlich seit der Nachkriegszeit, dem Wirtschaftswunder, all der Migrationswellen und der manchmal beängstigend rasant fortschreitenden Globalisierung unaufhaltsam in eine Multikulti-Gesellschaft entwickelte. Wo sie doch längst zu dem Melting Pot geworden war, den wir sonst nur aus Sachgeschichten über Amerika kannten. Und wo ich gleichzeitig so viele Berichte hörte und las von und über Menschen, die diese Entwicklung nicht sahen oder nicht sehen wollten oder nicht wahrhaben wollten.

Ich weiß nicht, wo ihr lebt, aber ich lebe in einem linksgrün versifften wunderbar multikulturellen Deutschland voller bunter Menschen mit bunten Herkünften, Hautfarben, Geschichten und Überzeugungen. Und ich übe es täglich, es auszuhalten, das dieses mein Deutschland, das ich so liebe, es auch aushalten muss, dass es Andersdenkende gibt. Rückwärtsgewandte, Ängstliche, Benachteiligte und An-die-Wand-Gestellte, die lieber in einem anderen Deutschland leben wollten.

An dieser Stelle möchte ich euch von meinem Deutschland, meiner Welt, meinem Universum erzählen und für es kämpfen. Mit den gewaltigen gewaltlosen Waffen einer wahren Lichtrosenkriegerin.

Weiterführende Wikipedia-Links zu im Text oben erwähnten Themen:

Deutsche Teilung DDR/BRD

Nachkriegsflüchtlinge aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs

Jugoslawien- bzw. Balkankriegen der 1990er Jahre

Russlanddeutsche

Evangelisch-lutherische Kirchen

Zeit des Nationalsozialismus („Drittes Reich“)

„68er“-Bewegung in Deutschland

Jesus Freaks