Achilles erinnert mich an Feminismus und an Weihnachten

Ausgerechnet ein antiker Sagenheld soll fortan zu meinem ganz persönlichen Symbol des ganz alltäglichen Feminismus werden bzw. mich an alltäglichen Sexismus erinnern. Und an Weihnachten. Ihr seid verwirrt? Lesen hilft! Hier kommt mein Beitrag zum gestrigen Weltfrauentag. Bin gespannt, wie ihr darüber denkt. Zitate, erwähnte Songs und Hintergrundinfos habe ich euch ganz unten verlinkt.

Wer mit Muslimas über Kopftücher diskutiert, sollte auch mit Frauen über hochhackige Schuhe diskutieren.

Wer glaubt, Feminist zu sein, wenn er mit Muslimas über ihr Kopftuch diskutiert, müsste mit jeder Frau, die hochhackige oder auch nur unbequeme Schuhe oder zu enge Kleidung trägt, auch über ihre Kleiderwahl diskutieren. Das ist meine Überzeugung und daran hat mich eine ganz persönliche, kleine und auch nicht besonders spektakuläre, aber, wie ich finde, dennoch erzählenswerte Leidensgeschichte erinnert. (Einen Link zu einem sehr interessanten Manifest auf zeit.de, das meine steile These ein wenig stützt, findet ihr übrigens unten.)

Ich wollte mal nicht wie eine pragmatische Öko-Mutti, sondern wie eine hübsche Kollegin aussehen.

Wie ihr vielleicht wisst oder auch nicht, bin ich ganz schön öko und ganz schön gesundheitsbewusst. Ich versuche aber beständig, mich von meinen eigenen Ansprüchen nicht kaputt machen zu lassen. Eine lebenslange Herausforderung, die mein Leben aber durchaus spannend und auch sehr reich macht… Und so kam es, dass ich zur letzten Weihnachtsfeier, obwohl ich sonst fast nur Leguano Barfußschuhe oder gar keine Schuhe trage, seit sehr langer Zeit mal wieder hochhackige Schuhe trug. Ich bin ja nicht nur berufstätig, gesundheitsbewusst und öko, sondern auch Mutter und Hausfrau. Und ich komme nicht sooo oft raus. Und ich habe mich auf diese Weihnachtsfeier gefreut. Auf das Tanzen. Ich wollte mal nicht wie eine pragmatische Öko-Mutti, sondern wie eine hübsche Kollegin aussehen. Und ich wollte tanzen, tanzen, tanzen.

Ich hatte mir sogar flache, einigermaßen schicke Turnschuhe zum Später-wenn-eh-keiner-mehr-drauf-achtet-Anziehen eingepackt.

Nun hatte ich mein Körpergefühl, meine Überzeugungen und die Grenzen meiner Bein- und Rückenmuskulatur ja nicht komplett vergessen vor lauter übersteigerter und überfrachteter Vorfreude aufs Tanzen. Mitnichten! Ich hatte nicht nur hochhackige Schuhe zur Feier angezogen: Ich hatte mir sogar flache, einigermaßen schicke Turnschuhe zum Später-wenn-eh-keiner-mehr-drauf-achtet-Anziehen eingepackt. Denn meine schmerzenden Füße sollten das Letzte sein, was mich vom Tanzen abhält. Jawohl!

Ich habe mich zu „I can’t get no sleep“ zum todsicheren Erstaunen eines so manchen Azubis an meine besten jugendlichen Techno-Partys erinnert.

So weit ein gar nicht so schlechter Plan. Denn ich habe getanzt. Als ob es kein Morgen gäbe. Ich habe mit Kolleginnen aus weit entfernten Abteilungen, die ich sonst nur zufällig einmal die Woche auf dem Flur treffe, 90er-Jahre-Songs von Lucilectric und den Spice Girls von vorne bis hinten mitgegrölt. Ich habe mit Kollegen „Jein“ von Fettes Brot von 1996 bis 2019 durchgerappt. Ich habe mich zu „I can’t get no sleep“ zum todsicheren Erstaunen eines so manchen Azubis an meine besten jugendlichen Techno-Partys erinnert. Kurzum: Ich hatte Spaß. Im Übrigen, ohne besonders viel getrunken zu haben. Sonst hätte ich ja konditionell auch niemals so viel tanzen können. Ich bin ja schließlich nicht blöd. Fast.

Ich hatte lediglich vergessen, mir meine ach so bequemen, gar nicht hohen, total flachen Zweitschuhe rechtzeitig anzuziehen. Nachdem ich bereits mindestens zwei Stunden annähernd nonstop durchgetanzt hatte, war es definitiv zu spät. Das merkte ich zwei Tage nach der Weihnachtsfeier. Meine Achillessehnen schmerzten bei jedem Schritt. Vor allem beim Treppensteigen oder bei längeren Spaziergängen. Nervig, aber verständlich nach so einer durchtanzten Nacht. Muskelkater. Normal. Dachte ich.

Die Schmerzen gingen aber nach mehreren Tagen nicht weg. Ok. Musst du wohl doch besser schonen. Machste vorsichtiger Yoga, gehst weniger und achtsamer spazieren. Gehst mehr schwimmen. Cremst die Fersen immer schön mit Arnikasalbe ein. Wird schon wieder. Dachte ich.

Schlafstörungen durch Stress – für berufstätige Mütter nun wirklich keine neue Erkenntnis.

Parallel dazu stellten sich bei mir ganz seltsame Schlaf- und Verdauungsprobleme ein. Ich will euch hier jetzt nicht mit zu delikaten Details ekeln, aber dass ich solche Probleme hatte, ist ein für die Geschichte wesentliches Detail. Also bitte merken. Ich habe im Moment auch mehr Stress als mir guttut. Weiß ich. Schlaf- und Verdauungsprobleme können auch von Stress kommen. Das ist für berufstätige Mütter nun wirklich keine neue Erkenntnis. Dementsprechend habe ich mir auch nicht mehr dabei gedacht, als das ich wirklich gut auf mich achten sollte, da mein Körper mir hier wohl gerade nicht nur einen, sondern mehrere Schüsse vor den Bug setzen möchte, um mir etwas mitzuteilen. Ok.

Aber diese doofen Achilles-Sehnen-Schmerzen. Die gingen trotz Schonen auch nicht weg. Und dann kam eine Bekannte zu Besuch übers Wochenende, die zufällig auch noch Physiotherapeutin ist. Wir sind – weil ich ja auf mich achten will – unter anderem in die Sauna gegangen. Nach einem Saunagang liegen wir im gemäßigten Ruhebereich so leise quatschend auf unseren Liegestühlen. Und ich erzähle ihr von meinen Achilles-Problemchen. Eigentlich wollte ich nur eine fachliche Meinung. Die Gratis-Massage, die davon begleitet wurde, habe ich aber auch gern mitgenommen.

Während meine Bekannte an meinen Hacken rummassierte, fing es in meinem Bauch in einer Tour an zu blubbern und zu rumoren.

Was ich dabei schon sehr interessant fand (Achtung! Ekelig, aber wichtig!): Während meine Bekannte an meinen Hacken rummassierte, fing es in meinem Bauch in einer Tour an zu blubbern und zu rumoren. Das sei auch nicht weiter verwunderlich, so meine Bekannte. Da, wo sie jetzt massiere, sitzen die Akkupressurpunkte von ganz vielen Organen und dem unteren Rücken und so. Aha.

Das fand ich aufrichtig interessant. Und ich solle bloß nicht zu sehr schonen. Es sei auch wichtig, dass ich die durch das hochhackige Tanzen gestauchten Sehnen wieder dehne. Wenn die richtig entzündet wären, wären sie dick und geschwollen, sind sie aber nicht. Na gut. Also weiter im selbst gebastelten Achilles-Schmerz-Bekämpfungsprogramm. Schlaf- und Verdauungsstörungen anhaltend.

Dann erwähnte ich das mit den Achilles-Schmerzen mal einer Freundin gegenüber, die zufällig auch noch Ärztin und ziemlich ganzheitlich unterwegs ist. Die hat mich dann zum Osteopathen geschickt. Und JETZT wird es creepy. Ich erzähle also bei der Osteopathin und manuellen Therapeutin brav, woher die Schmerzen kommen. Dass ich hochhackige Schuhe getragen habe, die ich sonst nicht trage. Dass ich zu viel getanzt habe, was ich sonst nicht tue. Und die unglaublich sympathische, patent, kompetent rüberkommende und Vertrauen erweckende Frau fragt mich Folgendes:

„Wachen Sie momentan öfters zwischen 4 und 6 Uhr morgens auf, egal wann Sie ins Bett gegangen sind?“

Leute, ernsthaft, ich hatte überlegt, ob jemand heimlich Kameras in meinem Schlafzimmer aufgehängt und mich bei „Verstehen Sie Spaß“ angemeldet hatte. Ich hatte ÜBERHAUPT nichts von Schlafstörungen erzählt. Ok, dass ich gestresst und übermüdet war, konnte man mir an dem Abend vermutlich auch ohne mehrjährige therapeutische Ausbildung ansehen. Aber die Uhrzeit? Die Tatsache, dass ich keine Einschlaf-, sondern „nur“ Länger-als-5-Stunden-am-Stück-schlaf-Probleme hatte? Ich musste wohl ziemlich bedröppelt und gleichzeitig begeistert ausgesehen haben… Jedenfalls erzählte sie mir dann was von Cortisolspiegeln, wie das mit der Achillessehne oder -ferse oder den Muskeln und Nerven da zusammenhängt, und fing an mich zu behandeln. Und das tat weh. Aber gut.

Die Schmerzen waren dann auch erst mal noch nicht weg. Aber es kribbelte, es pochte, es arbeitete. Das konnte ich spüren. Das konnte ich sogar sehen. Ernsthaft! Eines abends saß ich mit meinem Kind fasziniert auf dem Badezimmerboden und schaute mir die kleinen Würmchen an, die durch meinen Fuß direkt unter der Haut zu krabbeln schienen. Die Muskeln zuckten ohne mein bewusstes Zutun. Oder jemand hatte mir heimlich Nanosonden injiziert. Oder meine Ohrwürmer hatten sich gründlich verlaufen. Eins davon.

Meine Freundin die Ärztin hat dann meine Achillessehne noch zusätzlich mit Kinesiotape getapet. Und ihr müsst mir das jetzt nicht glauben: Aber ein paar Tage später – die Achillesschmerzen wurden von Tag zu Tag besser – kam meine zweitschönste Nacht seit der Weihnachtsfeier. Die schönste war, als ich mir meine Schlafstörungen zunutze machte und diese Website und meinen Blog begründete. Die zweitschönste, als ich das erste Mal seit der Weihnachtsfeier wieder ACHT Stunden am Stück geschlafen hatte. Creepy. Aber wunder-, wunderschön.

Warum wir Frauen, die wir mittlerweile ins Weltall fliegen, Nobelpreise gewinnen, das Klima retten, Staaten regieren und Konzerne leiten, uns immer noch in Schuhe zwängen lassen, die NACHWEISLICH unsere Gesundheit ruinieren

Und nun zurück zum Feminismus. Ich weiß nicht, wie es euch nach dem Lesen dieser hoffentlich einigermaßen unterhaltsamen Anekdote geht. Aber ich bin fertig mit hochhackigen Schuhen. Warum wir Frauen, die wir mittlerweile ins Weltall fliegen, Nobelpreise gewinnen, das Klima retten, Staaten regieren und Konzerne leiten, uns immer noch von einer immer noch männlich dominierten Welt in Schuhe zwängen lassen, die NACHWEISLICH unsere Gesundheit ruinieren, ist mir von heute an bis ich hoffentlich alt, runzelig und glücklich sterbe, ein Rätsel.

Schwestern, vereinigt euch – mit oder ohne Kopftuch – aber bitte zieht euch was Bequemes an! Ihr könnt dann besser schlafen.

Und hier die versprochenen Links – meldet euch gern in den Kommentaren, wenn euch noch was fehlt:


Sexismus: #OhneMich“ von Barbara Kuchler auf zeit.de

Homepage und Onlineshop von Leguano Barfußschuhe

Youtube-Video „Mädchen“ von Lucilectric

Youtube-Video „Wannabe“ von den Spice Girls

Youtube-Video „Jein“ von Fettes Brot

Youtube-Video „Insomnia“ (I can’t get no sleep“) von Faithless

Wikipedia-Artikel zur Fuß-Reflexzonenmassage

Wikipedia-Artikel zur Osteopathie (Alternativmedizin)

Wikipedia-Artikel zu kinesiologischen Tapes

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