Warum ich Luftschlangen und Konfetti liebe

Als mein Bruder und ich noch klein waren, gab es ein unumstößliches und jährlich innigst erwartetes Ritual zu Silvester. Rituale sollen dem Familienalltag ja Struktur und Verlässlichkeit geben. Dieses Ritual tat das sicherlich auch. Aber es gab unserem Alltag auch etwas Ekstatisches: die alljährliche Luftschlangenschlacht. Meine Eltern vergaßen niemals, zu Silvester ein paar Packungen billige Papierluftschlangen zu kaufen. Damit durften wir schon am Silvestermorgen den Weihnachtsbaum und das ganze Wohnzimmer schmücken, um uns auf die Feier zum Jahreswechsel einzustimmen. Aber das Großartigste war die Schlacht am Abend. Dafür wurden stets mindestens noch einmal so viele Luftschlangen, wie zum Schmücken benötigt wurden, beiseite gelegt für später.

Als wäre es Herbstlaub und wir im Freien

Irgendwann vor oder nach dem Fondue, nach oder vor dem Bleigießen, zwischen dem endlosen Warten auf Mitternacht war es soweit: Mein Bruder und ich durften sich völlig ausgelassen auf die übrigen Luftschlangen stürzen und daraus zunächst einen riesengroßen Papier-Spagetti-Berg erschaffen. In diesen durften wir uns dann nach Herzenslust stürzen und – als wäre es Herbstlaub und wir im Freien – die Schlangen in die Luft werfen, über uns herabregnen lassen, uns gegenseitig damit bewerfen und uns ganz und gar darin verlieren. Zudem wurden die Schlangen allesamt um mindestens einen Kopf kürzer gemacht und im Laufe des Rituals wurden so aus ehemaligen Luftschlangen zusehends – Konfetti. Was für eine herrlich infantile Metamorphose, eine kindliche – oder kindische? – Verwandlung, die wir da erleben durften!

Das ist doch Murphys Kinder-einfach-mal-Machen-lassen-Gesetz

Am Ende des Rituals stand die Pflicht, den ganzen Papierschnipselhaufen brav wieder zusammenzufegen und zu entsorgen. Schließlich fand die Luftschlangenschlacht mitten im Wohnzimmer, direkt neben dem Esstisch, quasi zu Füßen des Weihnachtsbaums statt. – Weiß Gott, bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie uns solche kleinen Verrücktheiten erlaubt haben! Ob wir – Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter – wirklich alle Luftschlangenstücke erwischt und das ganze Wohnzimmer wieder picobello sauber bekommen haben? Selbstverständlich nicht. Ob meine Eltern am Ende sicherlich noch einmal hinterherräumen mussten und bunte Papierfetzen an Stellen in ihrem Haus fanden, wo sie eigentlich nach den Gesetzen der Physik niemals hätten landen können? Ganz bestimmt. Das ist doch Murphys Kinder-einfach-mal-Machen-lassen-Gesetz, oder?

Heute bin ich Mitte 30 und mein Kind ist selbst im Grundschulalter. Vor einigen Jahren hatte ich einmal zu einer Familien-Silvesterfeier bei Freunden die, wie ich fand, großartige Idee, ein paar Packungen billige Luftschlangen mitzubringen. Die Kinder fanden das genauso toll wie ich. Wie ich im Nachhinein erfahren hatte, war die Dame des Hauses wenig bis gar nicht begeistert, dass ich das ohne Absprache mit ihr gemacht hatte. Die mehrfache Mutter war leicht frustriert, nun in den nächsten Wochen bestimmt überall diese dämlichen Papierfetzen wiederfinden zu müssen. Das tat mir leid. Und ich hatte auch ein gewisses Verständnis und infolge dessen auch ein schlechtes Gewissen. Aber es ärgerte mich irgendwie auch ein bisschen…

Ein paar Krümel Konfetti – eine gewisse Ahnung nach etwas Ausgelassenem

Vor Kurzem durfte mein Kind seinen Geburtstag nachfeiern: eine Faschingsparty – passend zur fünften Jahreszeit. Im Vorfeld hatten wir selbst gebastelte Einladungen verschickt und in den Umschlägen durfte zur Vorfreude was nicht fehlen? Ein paar Krümel Konfetti natürlich, die beim Öffnen und Lesen der Einladung auf die Tischplatte, den Schoß oder auch den Fußboden rieseln sollten. Und die eine gewisse Ahnung vermitteln mochten, dass die Kinder auch etwas Ausgelassenes und vielleicht sogar Ekstatisches erwarten durften.

Tatsächlich bekam ich von einer Mutter die Rückmeldung, dass das mit dem Konfetti echt eine blöde Idee war. Ich wüsste doch, dass bei ihr Hunde und Katzen im Haushalt leben würden und jetzt müsste sie der Katze hinterherlaufen, dass sie das Konfetti nicht frisst. Am Ende sagte sie noch – gleichzeitig eine meiner besten Freundinnen: “Alles gut! Das ist nicht ganz ernst gemeint.” Aber da war es schon wieder. Dieses gemischte Gefühl. Verständnis. Schlechtes Gewissen. Aber auch Ärger.

Ein Kollektiver kindlicher Konfetti-aus-dem-Teppich-zupf-und-zurück-in-den-Flur-fege-Kontest

Ob es auf der Faschingsparty meines Kindes eine Luftschlangenschlacht gab? Nein! Es gab eine Luftschlangen und eine Konfetti-Schlacht! Zum Höhepunkt stand ein Kind auf einem Stuhl und ließ Konfetti auf seine Freunde herabregnen. Ein anderes hatte den Föhn im Badezimmer gefunden und begann, Konfetti unter der Küchentürritze in die Küche zu föhnen, weil das Konfetti ja im Flur bleiben und nicht in der Küche oder im Wohnzimmer landen durfte. Das Essen und der Hochflorteppich sollten verschont bleiben. Irgendwann saßen die Kinder auf dem Hochflorteppich, haben Stofftieren und sich selbst die verrücktesten Luftschlangenfrisuren verpasst… Ob ich laut geworden bin? Ja. Einmal. Dann gab es einen kollektiven kindlichen Konfetti-aus-dem-Teppich-zupf-und-zurück-in-den-Flur-fege-Kontest und am nächsten Morgen war der Teppich selbstverständlich wieder voller Konfetti.

Ein Meer aus Papier und wunderschönen Erinnerungen

Na und? Ich freue mich jetzt schon darauf, noch Wochen später Konfetti an Stellen in meinem Haus zu finden, wo es nach allen Gesetzen der Physik eigentlich niemals hätte landen dürfen. Und mit jedem einzelnen Schnipsel werde ich in ein imaginäres Meer aus Papier und wunderschönen Erinnerungen eintauchen.

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